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EINS
Köln 1388
Das Geläut setzte unvermittelt ein. Anna schreckte zusammen.
Sie senkte den Kopf und bekreuzigte sich – es war wieder geschehen.
Sie stand vor dem Petersportal, ohne Erinnerung daran,
wie sie hierhergekommen war.
Aber sie musste den Weg gegangen sein. Sie blickte an sich
herunter. An ihrem Rocksaum hingen Dreck und Straßenstaub
wie ein schwarzer Trauerrand.
Du bist bei mir.
»Ja, ich bin bei dir«, murmelte sie und biss sich auf die Lippen.
Sie musste damit aufhören, der Stimme zu antworten. Es gab sie
nicht, diese Stimme, und wenn doch, dann gehörte sie einem
Dämon. Einem Teufel, der ihren Geist verwirren und ihre Seele
verführen wollte.
In den letzten Monaten war es schlimmer geworden, als es in
den vielen Jahren vorher gewesen war. In den vierzig Jahren seit
jenem Tag, als sie den Ruf zum ersten Mal gehört hatte und ihm
gefolgt war. Blind. Wie eine Träumerin war sie jedes Mal aufgewacht
und hatte hier gestanden.
Immer hier, dachte sie und trat einen Schritt näher an das
Gemäuer. Unter ihren Fingern spürte sie die kühle Oberfläche
der Steine. Sie schloss die Augen, und für einen Moment erfasste
sie eine Ahnung von der gewaltigen Größe, die dieses Bauwerk
einmal haben würde. Der Dom zu Köln. Kathedrale zur
Ehre Gottes. Schutz der Gläubigen. Eine riesige Baustelle.
Irgendwann, so hatten ihr der Vater und der Bruder versichert,
würden hier die mächtigsten Glocken des Abendlandes
klingen. Nicht zu ihren Lebzeiten. Und nicht zu Lebzeiten ihrer
Kinder und Kindeskinder. Stück für Stück, Stein für Stein,
Jahr für Jahr.
Anna fühlte die zarten Vibrationen des Bodens, die mit jedem
Ton durch ihren Körper strömten. Die heiseren Schreie der Möwen,
die auf der Suche nach Futter vom nahe gelegenen
Rhein kamen, drangen nur noch dumpf an ihr Ohr.
Du bist bei mir, Anna.
Sie schüttelte den Kopf. Nein. Nicht. Sie zwang sich, an andere
Dinge zu denken. Der Stimme keinen Raum in ihren Gedanken
zu lassen. Die Einkäufe auf dem Markt, die Arbeit im
Haus. Die Knechte, das Vieh, der Webstuhl.
Am Morgen war sie mit ihrer Magd hier gewesen und beladen
mit Köstlichkeiten und einigen Gewürzen wieder durch
die engen Gassen nach Hause geeilt. Sie hatten gekocht und gebraten,
das Mahl für den Festtag vorbereitet. Anna hatte ihre
Magd auf der Suche nach dem letzten Staubkorn durch die Kammern
des Hauses gescheucht, um alles vorzubereiten für den
Gast, den sie morgen erwartete.
Wie lange war es her, dass sie und ihr Bruder Peter sich das
letzte Mal gesehen hatten? Waren das wirklich schon acht Jahre?
Und davor? Sie wusste es nicht mehr. Die Familie der Parler
war seit Langem in alle Welt zerstreut.
Peters Talent war nicht lange verborgen geblieben, nachdem
er in der Dombauhütte Hüttendiener geworden war. Über seine
Ungeduld, bis er schließlich seinen vierzehnten Geburtstag
feiern und die Steinmetzlehre beginnen durfte, musste sie noch
heute lachen.
»Ich werde einmal ein berühmter Dombaumeister!«, hatte er
gerufen. Anna hatte ihm geglaubt, und er hatte recht behalten:
Dombaumeister zu Prag durfte er sich heute nennen, und er tat
es mit Stolz.
Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Bogen
hoch. Dem Portal zu einem Kirchenbau, dessen letztendliche
Größe nur in der Vorstellungskraft der Dombaumeister und
auf einem kühnen Bauplan existierte. Noch führte dieses Tor in
den Teil des alten Gotteshauses, der bald weichen würde. Die
Figuren im Gewölbe waren mehr als nur Abbilder des Lebendigen.
Sie atmeten. Zogen Kraft aus der Wärme der Sonne und
den Gebeten der Gläubigen. Heilige, Apostel und Engel. Von
der Hand derer von Parler erschaffen. Sie hätte stolz sein müssen,
trug doch die Statue der heiligen Barbara ihre Gesichtszü-
ge. Peter hatte die Schutzpatronin der Steinmetze nach ihrem
Vorbild geschaffen. Stattdessen empfand sie nichts als eine große
Leere und die Ahnung einer tiefen Sehnsucht.
Ich bin bei dir!
Anna fuhr zusammen und sah sich um. Die Stimme klang so
nah, nicht mehr so, als wäre sie nur in ihrem Kopf. Die Türen
des Petersportals standen weit offen. Aus dem Inneren des Doms
drang der Geruch von Weihrauch. Die Hitze des Augusttages
hatte sich in die Mauern der Kathedrale gesetzt und wehrte die
erste Kühle des frühen Abends ab. Schatten tauchten die Gesichter
der Steinfiguren in ein graues Dunkel.
Über ihrem Kopf fielen andere Glocken in den klaren Klang
ein und riefen zum Vorabendgebet. Anna hob die Hand an die
Schläfe, strich sich über die Stirn und wischte den Schweiß ab,
bevor er ihr in den Augen brennen konnte. Als sie sie wieder
sinken ließ, fiel ihr Blick auf die faltige Haut ihres Handrückens.
Sie wurde alt. Bald würde sie ihr einundsechzigstes Lebensjahr
vollenden, und die Zeit hatte auch vor ihr nicht Halt gemacht.
Wurde sie gar ein wenig wirr im Kopf?
Komm zu mir!
Die Stimme drängte sich in ihre Gedanken und erinnerte sie
an einen schon lange vergessenen Schmerz. Sie war nicht wirr.
Erkenne mich!
Sie kannte diese Stimme. Ja. Sie wusste um die Liebe, die in
dieser Stimme mitklang, und sie wusste, dass diese Liebe ihr galt,
nur ihr allein. Ihr wurde schwindelig und sie schwankte.
Erinnere dich!
Feuer! Es war vor ihr, unter ihr, um sie herum! Es nahm ihr
die Luft, fraß sich in ihre Haut, stach ihr den Schmerz in den
Leib. Es riss an ihren Fesseln.
»Ich stüssen dich an dä blaue Stein, du küss din Vader un
Moder nit mih heim.« Die Worte des Greven übertönten in ihrer
Erinnerung das Brüllen der Flammen. Der Henker hatte keine
Gnade walten lassen. Hatte sie nicht erwürgt, bevor er sie in die
Holzhütte stieß und den Reisighaufen anzündete.
Sieh mich!
Ein drückender Schmerz zog durch ihren linken Arm und
kroch zu ihrem Hals herauf. Sie rang nach Luft, aber ihre Lungen
schienen zu klein und zu eng. Kalter Schweiß lief ihren Rücken
entlang und durchtränkte den Stoff ihres Kleides.
Augen, Hände, Lippen. Das Gefühl des Heimlichen, des Verbotenen.
Sie erinnerte sich an die Sehnsucht, die Verzweiflung.
Und sie erinnerte sich an die Angst.
Sie war schon einmal gestorben. Vor einer Ewigkeit.
Und jetzt starb sie wieder.
Mit einer Klarheit, die sie verwunderte, erkannte sie, dass ihr
Herz aufgehört hatte zu schlagen.
Sie öffnete die Augen. Er stand vor ihr.
»Du erinnerst dich an mich.«
»Ich erinnere mich an alles.«
»Ich war immer da.«
»Du warst bei mir.«
»Meine Liebe hat dich beschützt.«
»Wie konnte ich nur vergessen?«
»Das hast du nie.«
Sie nickte. Er wandte sich um und trat in den Schatten des
Portals. Dann sah er sie über die Schulter hinweg an und reichte
ihr seine Hand.
Köln 2010
Nia umklammerte ihr Funkgerät und hoffte auf eine Antwort.
Der Apparat knackte und knarzte, dann verstummte er.
»Verfluchte Scheiße!« Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen
die Hauswand, versuchte, ruhig zu atmen und das Zittern in den
Griff zu bekommen.
Sie schaltete das Gerät aus und wieder an, aber außer der rot
blinkenden LED-Leuchte regte sich nichts mehr auf dem Display.
Der Akku hielt länger als vierzehn Stunden, doch die waren
nun abgelaufen. Das Gerät war nutzlos. Nia unterdrückte
den Drang, den kleinen schwarzen Apparat in die Büsche zu
schleudern, und versenkte ihn in ihrer Jackentasche.
Ein metallisches Scheppern schreckte sie auf. Er war irgendwo
da draußen auf dem Gelände in der Dunkelheit und lauerte.
Wartete auf den Moment ihrer Unachtsamkeit.
In der Ausbildung hatten sie solche Situationen besprochen
und geübt, so lange, bis sie sich sicher fühlten.
Die Theorie nutzt mir jetzt gar nichts, dachte sie und fühlte,
wie ihr der Schweiß aus dem Haaransatz den Nacken hinunterlief.
Sie schauderte und roch ihre eigene Angst.
»Als Kommissar im Dienst haben Sie eine hohe Verantwortung.
Für die Bevölkerung, Ihre Kollegen und nicht zuletzt für
sich selbst.« Nia hörte die Begrüßungsworte, die ihr Vorgesetzter
Edgar Wackwitz vor zwei Wochen bei ihrem Dienstantritt an
sie gerichtet hatte, als ob er neben ihr stehen würde. Er hatte ihr
die Hand gereicht, sie eindringlich gemustert und gelächelt. Sie
mochte ihn sofort. Ein väterlicher Typ, der sich schnell als ihr
Mentor herausgestellt hatte und auf dessen Rat sie gerne hörte.
Seine Stimme, seine Gesten weckten Erinnerungen in ihr an die
verregneten Sommernachmittage in ihrem Elternhaus, als sie und
ihr Vater eintauchten in die Geschichten der Vergangenheit. Dabei
war Wackwitz noch siebzehn Jahre jünger als es ihr Vaterheute wäre.
Arnulf Hallmann, Griechisch- und Geschichtslehrer
am altehrwürdigen Sankt-Severin-Gymnasium in der Kölner Altstadt.
Seinem Beruf und seiner Stadt aufs Innigste verbunden.
Selbstverständlich nannte er seine Tochter Apollonia.
Sie hatte gelitten als Kind. Unter dem Namen und darunter,
dass ihre Eltern anders waren als die ihrer Freunde. Älter, gesetzter,
bedächtiger. Vielleicht hatte sie deshalb immer so viel
Wert auf Sportlichkeit gelegt. Fit, flexibel, beweglich wollte sie
sein. Die Aufmerksamkeit, die Liebe und das Verständnis ihrer
Eltern hatte sie lange nicht gesehen, ihre Teenagerrebellion ohne
Rücksicht ausgelebt. Freiraum und Sicherheit. Rückhalt und
Grenze. Dafür und für ihre immer offenen Arme liebte Nia ihre
Eltern. Bis heute. In ihrer Erinnerung.
Es hatte ihr durch die Aufnahmeprüfung für die Polizeischule
geholfen, sie ihre Ausbildung mit Bravour bestehen lassen
und ihren Ehrgeiz genährt. Den Ehrgeiz und den Wunsch,
ihr Ziel so schnell wie möglich zu erreichen: die schnelle Beförderung,
die Mitarbeit in der K11, der Mordkommission.
Was für eine hirnverbrannte Gefühlsduselei, dachte sie und
spürte, wie Tränen über ihre Wangen liefen. »Reiß dich am Riemen,
Nia«, murmelte sie leise und zwang sich, an nichts anderes
als an den Mann dort draußen in der Dunkelheit zu denken. Sie
ging in die Hocke, zog die Dienstwaffe aus dem Holster und
entsicherte sie. »Konzentrier dich, Nia! Du musst das schaffen!
Du musst! Überleben!«
Mit der linken Hand stützte sie sich ab, beugte sich vor und
sah um die Hausecke.
Zwanzig Meter lagen zwischen ihr und der reglosen Gestalt
auf dem Boden. Zwanzig Meter, die ihr wie hundert vorgekommen
waren, als sie gerannt und gestolpert war, das Geräusch der
Schüsse im Ohr.
Tim lag auf dem Bauch, die Arme von sich gestreckt, das rechte
Bein angewinkelt. Der dunkle Fleck auf dem Asphalt unter
seinem Kopf wuchs immer noch.
Sie war hinter ihm gewesen. Sie hatte gesehen, wie die Kugel
ihn in den Hinterkopf traf. Im Vorbeilaufen hatte sie sich umgedreht
und sein Gesicht gesehen, dort, wo keines mehr war.
Sie hatten gedacht, die Verfolger zu sein, dabei waren sie die
Gejagten. Auf diesem verdammten Schrottplatz vor den Toren
Kölns. Ihr Kollege hatte sie nicht allein gehen lassen, sondern
darauf bestanden mitzukommen. Nia wollte nicht darüber nachdenken,
aus welchem Grund er das für sie getan hatte, obwohl
sie es seit längerer Zeit ahnte.
Das Licht veränderte sich, und Nia schreckte zurück hinter
die Hausecke. Aber es war nur die Wolkendecke, die für einen
Moment aufriss und das Mondlicht durchscheinen ließ.
Sie zog ihr Handy aus der Jacke, in der Hoffnung, endlich
Empfang zu haben. Die Balken der kleinen Antenne auf ihrem
Display blieben leer. Ob es an der Gegend lag? Verlassenes Land.
Nias Herz raste. Es musste doch eine Möglichkeit geben, Hilfe
zu holen.
Einige Meter vor ihr rauschte ein Schatten durch die Nacht.
Es raschelte, scharrte, und dann hörte sie den Todesschrei eines
kleinen Tieres. Mit mächtigen Flügelschlägen erhob sich die
Eule mit ihrem Opfer zwischen den Krallen wieder in die Luft,
und für einen Augenblick meinte Nia, die schwarzen, glänzenden
Augen des Kaninchens auf sich gerichtet zu sehen. Es schien
ihr, als hätte es sich in sein Schicksal ergeben, als folgte es willig
seinem Jäger auf dem Weg, an dessen Ende der Tod stand. Ihr
wurde schlecht. Eine Faust drückte ihren Magen zusammen,
und sie übergab sich. Der Geruch ihres eigenen Erbrochenen
stieg ihr in die Nase. Sie schüttelte sich, spuckte und stolperte
ein paar Schritte weiter in die Dunkelheit hinein.
»Doch nicht so ein harter Cop, was?« Krahwinkel lachte. Er
hatte sie gehört. »Ich hab dir ja gesagt, leg dich nicht mit mir an.
Das hast du jetzt davon!« Die Stimme kam näher. Noch hatte er
sie nicht entdeckt. Lange konnte es nicht mehr dauern.
Nia suchte nach einem Versteck. Die Wand erstreckte sich
über mehr als zehn Meter. Im Licht des Mondes eine einzige
glatte Fläche. Kein Winkel, kein Vorsprung.
Schnauze!, wollte Nia brüllen, aber sie biss sich auf die Lippen.
Wenn sie sich provozieren ließ, würde er sie schneller finden.
Aber vielleicht war das ja das Beste.
Was hatte sie zu verlieren? Tim war tot. Tim, ihr Kollege, aus
dem vielleicht mehr als ein Freund hätte werden können. Gestorben,
weil sie diese Sache im Alleingang machen wollte.
Warum, verdammt, hatten sie keine Verstärkung bei Wackwitz
angefordert? Er hatte sie doch erst auf die Spur gebracht.
Weil sie unbedingt recht behalten wollte? Weil sie sich und ihm
etwas beweisen wollte? Oder weil Krahwinkel ihre ganz persönliche
Angelegenheit war?
Rausgehen und sich abknallen lassen. Ein Ende setzen, bevor
überhaupt etwas beginnen konnte. Was auch immer es gewesen
wäre.
Sie lachte bitter. Hatte sie vor zwei Stunden, als sie mit ihrer
Tante im Café auf der Domplatte gesessen hatte, wirklich noch
geglaubt, sie wolle nur verhindern? Verhindern, dass Krahwinkel
noch ein Leben zerstören würde, so wie ihres?
»Was machst du?« Krahwinkels Reibeisenstimme schallte
über den Hof. »Nach deiner Mami weinen?« Nia hörte den
Hohn in seinen Worten. »Die wird dir jetzt nicht helfen können,
Schätzchen! Wenn Onkel Manni erst mal fertig ist mir dir,
wird dir niemand mehr helfen können!« Seine Schritte kamen
näher.
Wusste er es? Ahnte er, wer ihre »Mami« war? Hatte sich das
Gesicht ihrer Mutter ebenso in sein Gedächtnis gebrannt wie in
ihres? Woran erinnerte er sich? An die Angst in den Augen der
Frau, die vor ihm auf dem Küchenstuhl gesessen hatte? Oder an
das Loch in ihrer Stirn?
Nia sah sich um. Ein umgestürzter Baumstamm ragte aus
der Dunkelheit hervor. Dahinter schoben sich die Blätter der
Büsche zu dunklen Schatten zusammen. Halb gebückt lief sie
darauf zu und ließ sich hinter dem Stamm flach auf den Boden
fallen, ohne auf die Steine zu achten, die sich in ihren Körper
bohrten.
Mit vierzehn Jahren ist man nicht vorbereitet auf den Tod. Sie
hatte nur dagestanden und ihre Eltern angesehen. Auf die Stille
des Hauses gelauscht. Unfähig, sich zu rühren. Unfähig, den
Schmerz anzunehmen. Er hatte ihre Eltern im eigenen Haus ausgeraubt
und erschossen. Einfach so. Aus Habgier? Aus Grausamkeit?
»Keine Kampfspuren«, hatte sie vor zehn Tagen in der
Akte gelesen, als aus ihrem Wunsch, solche Grausamkeiten zu
verhindern, Wirklichkeit geworden war und sie die »hohe Verantwortung
« übernommen hatte. Er war davongekommen. Keine
Beweise.
Damals.
Langsam schob sie sich bis ans Ende des Stammes und sah
durch die Blätter auf den Hof. Krahwinkel stand neben Tim,
die Pistole in der rechten Hand, und starrte angestrengt in ihre
Richtung. Er schob seinen Fuß unter Tims Schulter und drehte
den schlaffen Körper auf die Seite. Nia glaubte, sein zufriedenes
Knurren zu hören, als er erkannte, dass ihm von dieser Seite
keine Gefahr mehr drohen würde. Dann ging Krahwinkel einen
Schritt nach hinten, nahm kurzen Anlauf und trat dem Leichnam
in den Bauch. Tims Körper krümmte sich, als ob er noch
leben und Schutz suchen würde.
Kalte Wut packte Nia. Ohne nachzudenken, riss sie die Waffe
hoch und feuerte auf Krahwinkel. Die Kugel verfehlte ihn
und durchbohrte einige Meter hinter ihm einen alten Golf. Nia
legte erneut an, zielte und schoss. Blind. Wahllos. Sie bestand
nur noch aus Reflex, Wut und Rache. Schüsse knallten, ohne
dass sie hätte sagen können, ob sie aus ihrer Waffe stammten
oder Krahwinkels Antwort auf ihren Angriff waren. Bis zu
dem Moment, wo aus den Schatten der Schmerz kam, ihr die
Waffe aus der Hand fegte und sie zu Boden warf, hätte sie noch
nicht einmal sagen können, wo Krahwinkel war. Dann wusste
sie es.
Sein hassverzerrtes Gesicht hing über ihrem. Nia konnte seinen
Atem spüren, und der Gestank seines Aftershaves drückte
auf ihre Lungen. Sie stöhnte.
»Liebschen, gleich is et vorbei!«, zischte er durch die Zähne
und presste ihr den Lauf seiner Pistole unters Kinn. »Aber vorher
machen wir es uns noch ein bisschen nett, der Onkel Manni
und die kleine Schlampe von der Polizei, oder was meinst du?«
Er nestelte an seinem Hosenbund.
Nia erstarrte, als sie begriff, was er vorhatte. Ihre rechte Hand
pochte. Dort, wo der Schuss sie getroffen hatte, spürte sie, wie
das Blut lief. Krahwinkel kniete jetzt auf ihr. Mit der einen Hand presste
er weiter die Pistole gegen ihre Kehle und schnürte ihr die Luft
ab. Mit der anderen zerrte er an ihren Kleidern.
Nia spürte, wie der Kies sich in ihre Haut bohrte. Ihre Finger
umklammerten harten Stein, sie drehte den Kopf zur Seite
und schlug zu.
***
In der Wärme des späten Sommerabends pulsierte das Blut
durch seine Adern und füllte ihn mit Leben. Er erwachte, löste
sich aus den Schatten seines Gefängnisses, mischte sich unter
den Strom der Menschen und ließ sich treiben. Er genoss es,
mitten unter ihnen zu sein, sich als ihresgleichen zu fühlen, als
Teil des Lebens. Unerkannt. Ohne Scheu.
Langsam verließ die Steifheit seine Glieder.
Niemand achtete auf ihn, als er den Platz überquerte. Wortfetzen
flogen an ihm vorbei. »You should …« – »… ins Römisch-
Germanische Museum.« – »Wenn er nicht anruft, dann …« –
»Il part de la gare.« Ein Sprachenteppich, gewoben aus den Wünschen
und Plänen der Menschen, der ihn die Stufen zum Bahnhof
hinuntertrug.
Er schlenderte. Langsam. Jeden Schritt auskostend. Liebespaare
umschlangen und hielten einander. Sie küssten sich oder
schauten gemeinsam in eine Richtung, die vielleicht ihre Zukunft
war. Teenager drapierten sich in lässiger Haltung auf der
Treppe, Punks kraulten ihre Hunde, und müde Touristen starrten
auf die Displays ihrer Kameras. Er schloss sich dem Strom
der Reisenden an. Die Türen des Kölner Hauptbahnhofes verschluckten
die Menschen einen nach dem anderen, um sie an
anderen Stellen wieder auszuspucken.
Vor dem Informationsschalter blieb er stehen und lauschte.
Erneut streiften Worte, hingeworfen im Vorbeieilen, seine Gedanken.
Abschied. Willkommen. Freude, Trauer. Wut.
Ein junger Mann schälte sich aus der Menschenmenge. Er
trug Jeans und T-Shirt. Einer von vielen. Aber etwas an seinem
Gang, an seiner Haltung, unterschied ihn von den anderen. Die
Art, wie er zögerte, um dann den Schritt zu beschleunigen. Seine
Kopfhaltung. Die Anspannung in den Muskeln, die ihn nach
vorne trieb.
Auch wenn er diese Äußerlichkeiten nicht brauchte, um zu
erkennen. Was ihn erkennen ließ, war selten sichtbar. Leid. Verzweiflung.
Oder nur der Ausdruck in den Augen, den er selbst
über diese Entfernung hinweg erkannte und der ihm sagte, dass
jetzt der Zeitpunkt war.
Er hatte gewusst, dass er ihn finden würde. Er fand sie immer.
Manchmal fragte er sich, ob es nicht eher so war, dass sie
ihn fanden, weil er sie nicht finden wollte. Aber sein Wille war
unerheblich und spielte keine Rolle. Er hätte keinen Willen haben
dürfen. Und doch hatte er ihn. Warum, dachte er, ist es so
schwer? Warum wird es mit jedem Einzelnen schwerer?
Er folgte dem jungen Mann durch den Bahnhof. Vorbei an
den Schließfachautomaten, dem Buchladen und der Bäckerei.
Vorbei an den Kofferschiebern, Eiligen, Abschiednehmenden.
Vorbei am Leben.
Der junge Mann vor ihm ging nun schneller. Vor dem Aufgang
zu Bahnsteig eins blieb er stehen. Er sah das Schild mit dem
Hinweis auf die Bahnpolizei und schüttelte den Kopf, als ob jemand
ihm eine Frage gestellt und er sie beantwortet hätte. Dann
ging er weiter. Umklammerte die Riemen seines Rucksackes.
Als der junge Mann die Treppe zum nächsten Bahnsteig hinaufging,
nahm er zwei Stufen mit jedem Schritt. Er hatte es eilig,
sein Ziel zu erreichen.
Er folgte ihm.
»Es geht dir nicht gut«, sagte er zu dem jungen Mann, als sie
das Ende des Gleises erreichten. Niemand war in der Nähe. Sie
standen weit hinter dem Bereich, der auf dem Wagenstandsanzeiger
mit »Zone F« gekennzeichnet war.
»Nein«, antwortete der junge Mann, ohne ihn anzusehen.
»Weißt du, was du da vorhast?«
»Natürlich weiß ich das!« Unwirsch wandte er sich ab.
»Wie heißt du?«
»Für dich bin ich niemand.«
»Du bist wütend, Jakob.«
»Für alle bin ich niemand.«
»Wer wütend ist, hat Kraft zum Leben.«
Der junge Mann schwieg.
Er stellte sich neben ihn. Gerade so, dass ihre Hände sich
nicht berührten. Es ist meine Strafe, dachte er und schmeckte
eine Mischung von Metall und Schweiß auf der Zunge. Die Luft
stand unter dem Kuppeldach des Hauptbahnhofs, kein Wind
brachte Kühlung, obwohl die Seitenwände sich zur Stadt hin öffneten.
Die Hitze sammelte sich, stieg nach oben und senkte sich
dann wie eine Decke über die Betriebsamkeit. Alles klang gedämpft,
nur unterbrochen vom Kreischen der Bremsen oder den
quietschenden und knackenden Lautsprecheransagen.
Es ist meine Strafe, deshalb ist es so schwer.
»Du kannst mich nicht daran hindern!« Der junge Mann
schrie jetzt, aber außer ihm schien das niemand zu hören. Die
Sehnen und Adern an seinem Hals traten hervor, kraftvoll und
geschmeidig.
»Ich will dich nicht hindern.« Er starrte geradeaus, über die
Gleise hinweg auf die Metallstreben der Dachkonstruktion.
»Meine Aufgabe ist es, dir die Kraft zu geben, deinen wahren
Willen zu erkennen.« Er betrachtete die feinen Schwingungen
der Schienen.
Der Zug fuhr ein.
Er spürte den Kampf, den der junge Mann mit sich ausfocht.
Hörte seinen schnellen Atem. Den Herzschlag. Rattatamm,
rattatam, rattatam, rattatam. Die Räder. Den Herzschlag.
Er schwieg.
Der Zug war da.
In den Augen des Zugführers sah er Erkennen und Entsetzen.
Er hob die Hand, legte sie auf die Schulter des jungen Mannes
und schloss die Augen.
Dein Wille!
Als er sie wieder öffnete, stand er allein auf dem Bahnsteig.
Zwanzig Meter neben ihm schrie eine Frau.
***
Nia fror. Obwohl Krahwinkels Gewicht sie nicht mehr zu Boden
drückte, fiel ihr das Atmen schwer. Vor ihren geschlossenen
Augen tanzten kleine Punkte wie ein buntes Feuerwerk. Sie zwang
sich, die Lider zu öffnen, und drehte den Kopf in die Richtung,
aus der eben noch ein leises Röcheln gekommen war. Jetzt hörte
sie nichts mehr. Krahwinkel lag reglos neben ihr auf dem harten
Kies, die Hand ausgestreckt, die Finger leicht gebeugt, so als wolle
er ihr über die Wange streichen. Nia wich unwillkürlich zurück
und drehte sich auf die Seite. Sie zog die Knie an und stützte
sich mit der linken Hand vom Boden ab. Langsam stand sie auf.
In ihren Ohren rauschte es. Sie schwankte. Was war passiert?
Warum lag Krahwinkel so leblos da?
Sie hatte diesen Anruf erhalten, den Hinweis auf Krahwinkels
Versteck, und war hinausgefahren. Allein? Sie konnte sich
nicht erinnern.
Er braucht einen Arzt, dachte sie und tastete nach ihrem
Handy. Das Telefon war blutverschmiert, wie ihre Finger. Sie
warf es weg und starrte auf die tiefe Wunde an ihrer Hand, aus
der Blut sickerte. Wieder tanzten die Punkte vor ihren Augen.
»Ich muss Hilfe holen«, sagte sie laut und erschrak über den
Klang ihrer Stimme in der Stille. »Ich muss Hilfe holen«, murmelte
sie erneut, leiser diesmal. Sie wandte sich ab und ging tiefer
in die Büsche hinein, bückte sich unter den Zweigen hindurch
und achtete nicht auf die Dornen, die sich in ihren Kleidern und
den Haaren verfingen. Sie sah hinter dem Dickicht das Feld und
hinter dem Feld die Straße.
Scheinwerfer kamen auf sie zu, als sie auf den Asphalt trat.
Bremsen quietschten, der schrille Ton einer Hupe gellte durch
die Nacht. Nia blieb für einen Moment stehen, dann ging sie
weiter die Straße entlang.
Die Tür des Wagens öffnete sich, und Nia hörte Schritte, klackernde
Absätze, die sich näherten.
»Brauchen Sie Hilfe? Hatten Sie einen Unfall? Eine Frauenstimme.
Sie klang besorgt.
Hilfe. Nia hielt inne. Sie nickte und sah die Frau an. Ja. Das
war es, was sie brauchte.
»Ich rufe sofort einen Krankenwagen!« Die Frau war jetzt bei
ihr. Ihr Blick wanderte über Nias Gesicht und über ihre Hände,
folgte den dunklen Blutschlieren und blieb an der Wunde hängen.
Nia konnte das Misstrauen in den Augen der Frau sehen.
»Warten Sie!« Sie rannte zurück zu ihrem Auto, zog eine
Decke aus dem Kofferraum und breitete sie auf dem Boden aus.
»Was ist passiert?«, fragte sie, während sie Nia zu der Decke
führte. »Soll ich die Polizei rufen?«
»Ich bin die Polizei.«
»Legen Sie sich erst mal auf die Decke.«
»Ich muss Hilfe holen!« Nia schüttelte den Kopf und zog
mechanisch ihren Ausweis aus der Innentasche ihres Jacketts.
Sie hielt ihn mit ausgestrecktem Arm nach vorne.
Die Frau nickte, griff durch die geöffnete Tür in das Ablagefach
neben dem Lenker und wählte die Notrufnummer.
»Tim ist tot!«, flüsterte Nia. Eine Erinnerung an sein Gesicht
blitzte auf, vermischte sich mit dem erstaunten Ausdruck in den
Augen ihres toten Vaters. Wann war das gewesen? Eben? Gestern?
Tränen liefen über ihre Wangen. Kalter Schweiß stand auf
ihrer Stirn und sie zitterte.
»Der Notarzt ist unterwegs«, sagte die Frau mit rauer Stimme.
»Er wird Ihnen helfen.« Sie hob die Decke vom Boden auf
und legte sie um Nias Schultern. »War noch jemand bei Ihnen?
Ist der auch verletzt? Braucht er auch einen Arzt? Wo ist er?«
»Krahwinkel ist …« Nia blickte die Frau an, ohne sie zu sehen.
»Ich weiß es nicht.« Bilder drängten sich in ihr Bewusstsein.
Die schwarzen Augen eines Kaninchens. Ein lebloser Körper.
Krahwinkels Gesicht über ihr. Das Gefühl des schweren Steins
in ihren Händen. Sie schnappte nach Luft. »Ich habe ihn umgebracht.
«
»Sie sind Polizistin.«
»Ich muss Hilfe holen!« Nia schüttelte die Decke ab und ging
weiter in die Richtung, von der sie glaubte, dort sei die Stadt.
Die Frau hielt sie fest.
»Der Arzt ist sicher gleich da. Er wird Ihnen helfen.«
»Ja.« Nia stoppte, setzte sich dort, wo sie stehen geblieben
war, auf den Boden und begann zu weinen.
ZWEI
Köln 1348
Die junge Frau kämpfte sich durch den Schlamm der Straße.
Die ganze Nacht über hatte es geregnet. Die kleinen Holzbrettchen
unter ihren Schuhen versanken immer wieder im Morast
und lösten sich mit einem schmatzenden Geräusch, wenn sie
die Füße hob.
»Geh weg!« Mit einem Stock vertrieb sie ein besonders neugieriges
Schwein, das ihr entgegenlief und seine Schnauze in den
dicken Stoff ihres langen braunen Kleides wühlte. Sie stolperte
über das Tier, stützte sich an einer Hauswand ab und drängte den
schweren Körper zur Seite.
Halei folgte ihr im Schutz der Mauern. Er wollte zu dem
gleichen Ort wie sie, aber ihre Ziele waren grundverschieden.
Er bewunderte ihren Willen und ihre Kraft, mit der sie ihren
Weg ging.
»Mach, dass du fortkommst!«, sagte sie energisch zu dem
Schwein, hob ihren Rocksaum an und eilte weiter. »Ich muss
schnell sein, bevor es zu spät ist.« Sie schaute zum Himmel. Die
eng beieinanderstehenden Häuser ließen kaum einen Schimmer
des Morgenlichts auf die Straße fallen. Sie hatte keinen dieser
bezahlten Leuchtmänner bei sich, schien sich aber nicht zu
fürchten.
Ich kann auf sie achten, dachte Halei, bevor er sich daran erinnerte,
dass seine Aufgabe heute eine andere war. Ihre Gefühle
und Gedanken überfluteten ihn. Da waren Angst, Sorge und
verzweifelte Hoffnung. Es fiel ihm schwer, sich davor zu verschließen.
Sie berührte ihn auf eine Art und Weise, die ihm neu
war und fremd.
In großer Ungeduld hatte sie eben noch am Morgengebet im
Beginenhof teilgenommen, vor dem keine der Schwestern das
Haus verlassen durfte, und darauf gewartet, endlich zu ihrer
Freundin Ursula und deren kranker Tochter Johanna zu gelan-
gen. Die Zehnjährige hatte Kirschen gegessen und klagte seitdem
über starke Leibschmerzen. Aber erst als das Fieber gestern
immer heftiger geworden und Johanna in einen dämmrigen
Schlaf gefallen war, hatte Ursula nach der heilkundigen Anna
rufen lassen.
Da war er schon da gewesen, hatte unbemerkt von der Mutter
neben dem Kopf des Kindes gesessen, ihr sanft über das verschwitzte
Haar gestreichelt und sie angelächelt.
»Du brauchst keine Angst zu haben, Johanna. Ich bin bei dir
und führe dich.«
Mit geschlossenen Augen hatte sie ihn angesehen, und er
konnte das Vertrauen ihrer Seele in seine Kraft erkennen.
»Du bist ein Engel«, hatte sie ihm leise zugeflüstert und war
wieder in den Zustand des Schlafes geglitten, der ihr den Rest
ihres irdischen Lebens erträglich machen würde.
»Es geht ihr sehr schlecht«, hatte Ursula schon an der Türe
zu Anna gesagt und sie in die Küche geführt, wo das kranke
Kind in der Nähe der Feuerstelle auf einer Matte aus Stroh
lag.
Johanna hatte nur leise gewimmert, als Anna sie an der Schulter
gefasst, zu sich gedreht und mit den Untersuchungen begonnen
hatte. Das Fieber ließ ihre Haut glühen und ihr Herz
rasen. Ihr Bauch war hart gewesen, als Anna auf die linke Seite
gedrückt und wieder losgelassen hatte. Johannas Schrei hatte
ihren schlimmen Verdacht bestätigt.
»Ich befürchte, sie hat die Seitenkrankheit«, hatte sie gemurmelt
und sich gewünscht, die Verzweiflung in den Augen ihrer
Freundin nicht sehen zu müssen.
»Das heißt, sie wird sterben?« Ursulas Stimme war kaum zu
hören gewesen.
»Ich werde alles versuchen, damit dein Kind am Leben
bleibt!«
Halei wusste, dass ihre Hoffnung auf Heilung größer war als
ihr Glaube daran.
»Bete, Ursula. Das ist alles, was du für Johanna tun kannst.
Ich komme morgen früh wieder und bringe Kräuter, die das
Fieber senken und den Brand lindern können.«
Jetzt, so früh am Morgen, war sie auf ihrem versprochenen
Weg, und Halei folgte ihr. Er ging neben ihr her, hörte ihren
Atem und ihren Herzschlag. An ihrem Ledergürtel trug Anna
einen Beutel mit Lindenblüten und Weidenrinden. Sie sollten
gegen das Fieber helfen. Tausendgüldenkraut und Wacholder
sollten Johannas Leib Erleichterung verschaffen.
»Es geht ihr besser!« Wie gestern riss Ursula bereits beim ersten
Klopfzeichen die Haustüre auf. »Sie hat keine Schmerzen
mehr.«
Anna drängte sich an ihr vorbei in die Dämmerung des Zimmers.
Halei blieb am Eingang stehen.
Johanna lag ausgestreckt auf ihrem Lager, die Augen geöffnet,
und starrte an der Besucherin vorbei zur Tür.
»Kommst du mich jetzt holen?«, flüsterte sie mit leiser Stimme.
»Ich bringe dir Kräuter, die dein Fieber senken, Liebchen.«
Halei trat neben Anna und nickte ihr zu.
»Engel kommen zu denen, die sterben.« Johanna lächelte und
streckte die Hand aus. »Ich gehe mit dir.«
Sie schloss die Augen. »Ich hab keine Angst.«
Anna kniete sich neben sie und legte ihr eine Hand auf die
Stirn. »Erkennst du mich nicht? Ich bin Anna!« Sie sah zu Ursula
hinüber, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem
Kind zu. »Du brauchst keine Angst zu haben.«
»Ich habe Schuld an meinem Tod, nicht wahr?«, murmelte
Johanna. »Ich durfte die Kirschen nicht nehmen und habe es
trotzdem getan. Das ist meine Strafe.«
»Nein!« Halei und Anna antworteten gleichzeitig. Anna sah
sich um.
Halei spürte, dass seine Anwesenheit und seine Worte zu ihr
durchgedrungen waren. Dass er für einen kurzen Moment die
Mauer durchbrochen und ihre Gedanken berührt hatte.
»Nein«, wiederholte sie jetzt. »Du hast keine Schuld. Die
Kirschen haben mit deiner Krankheit nichts zu tun.«
»Aber sie wird doch wieder gesund, Anna!« Ursula kniete
neben dem Lager nieder, deckte ihre Tochter zu und küsste sie
auf die Stirn. Anna stand auf und hob die Hände. Mit dem Finger zog sie eine Linie in der Mitte ihrer Stirn, so als ob sie ihre Gedanken
in eine Rettung versprechende Ordnung zwingen wollte. Dann
schluckte sie und sah ihre Freundin an. Als sie sprach, klang
ihre Stimme leise und hoffnungslos.
»Es ist kein gutes Zeichen, Ursula. Dass Johanna keine
Schmerzen mehr hat, bedeutet ein weiteres Fortschreiten der
Krankheit. Ich habe es schon viele Male gesehen.« Sie ging um
das Lager herum, auf dem das Kind nun wieder mit geschlossenen
Augen lag, und umarmte Ursula. »Es tut mir so leid. Es wird
nicht mehr lange dauern.«
»Du musst etwas machen, Anna!« Ursula spie die Worte in
den Raum. »Du darfst sie nicht sterben lassen!«
Anna seufzte und zögerte einen Augenblick. In ihrer besorgten
Miene sah Halei auch die Liebe zu dem kranken Kind
und die große Zuneigung zu Ursula. Er rührte sich nicht. Stand
auf seinem Platz an der Wand, füllte mit seiner Anwesenheit
den Raum aus und wartete. Johannas Herz schlug nun langsamer,
und die Seele löste sich von ihrem irdischen Gast. Er würde
ihr helfen, sie führen und leiten. Das war seine Aufgabe.
Er stand da, blickte in Annas Gesicht und wartete.
Sie kämpft, dachte er, als sie begann, den kleinen Körper mit
nassen Laken zuzudecken, um das Fieber zu senken. Mit schnellen
Bewegungen flößte sie dem Mädchen Wacholdersud ein
und sprach ein Gebet.
Dein Wille ist stark!
Anna fuhr hoch.
»Was?« Sie lauschte, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder
Johanna zu.
Hatte sie ihn gehört?
Sie wird sterben, versuchte er es ein weiteres Mal. Die ruckartige
Bewegung ihres Kopfes zeigte ihm, dass er recht hatte. Ich
bin in deinen Gedanken. Du kannst mich hören.
Annas Hände hielten mitten in ihrer Arbeit inne.
Johanna stirbt, aber sie hat keine Angst. Sie ist bereit zu gehen.
»Nein! Ich will sie nicht aufgeben!« Annas Finger flogen jetzt
über den Leib des Mädchens auf der Suche nach Erleichterung und Heilung. »Bleib hier.« Anna legte eine Hand auf Johannas
Stirn.
Johanna lächelte. Dann sackte ihr Kopf zur Seite und ihr Blick
verlor sich.
Eine Träne lief über Annas Wange und fiel auf die Decke des
Krankenlagers. Langsam ließ sie sich auf die Knie sinken.
»Ich kann nicht mehr helfen, Ursula«, sagte sie und versuchte,
das Entsetzen in den Augen der Freundin zu ertragen.
...
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