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Leseprobe "Das Portal"

 

LESEPROBE:

DAS PORTAL

EMONS VERLAG KÖLN
ISBN 978-389 705 83 47
230 Seiten 9,90€

Köln 1348: Eine uralte Prophezeihung droht sich zu erfüllen, als der Engel Halei aus Liebe zu Anna, der Schwester des Steinmetzmeisters Peter Parler, zum Menschen werden will. Aber die Geheimnisse und der Fortbestand des Kölner Doms dürfen nicht gefährdet werden. Und so setzt die Bruderschaft der Domherren alles daran, Halei und Anna aufzuhalten.
Köln 2010: Als die junge Kommissarin Nia Hallmann dem rätselhaften Psychologen Eliah Kahmen begegnet und sein Geheimnis lüften will, gerät sie selbst in den Focus der Bruderschaft. Zu spät begreift sie, dass sie damit nicht nur ihn und sich gefährdet, sondern auch den Fortbestand des Kölner Doms.

 

   

EINS

 

Köln 1388

Das Geläut setzte unvermittelt ein. Anna schreckte zusammen.

Sie senkte den Kopf und bekreuzigte sich – es war wieder geschehen.

Sie stand vor dem Petersportal, ohne Erinnerung daran,

wie sie hierhergekommen war.

Aber sie musste den Weg gegangen sein. Sie blickte an sich

herunter. An ihrem Rocksaum hingen Dreck und Straßenstaub

wie ein schwarzer Trauerrand.

Du bist bei mir.

»Ja, ich bin bei dir«, murmelte sie und biss sich auf die Lippen.

Sie musste damit aufhören, der Stimme zu antworten. Es gab sie

nicht, diese Stimme, und wenn doch, dann gehörte sie einem

Dämon. Einem Teufel, der ihren Geist verwirren und ihre Seele

verführen wollte.

In den letzten Monaten war es schlimmer geworden, als es in

den vielen Jahren vorher gewesen war. In den vierzig Jahren seit

jenem Tag, als sie den Ruf zum ersten Mal gehört hatte und ihm

gefolgt war. Blind. Wie eine Träumerin war sie jedes Mal aufgewacht

und hatte hier gestanden.

Immer hier, dachte sie und trat einen Schritt näher an das

Gemäuer. Unter ihren Fingern spürte sie die kühle Oberfläche

der Steine. Sie schloss die Augen, und für einen Moment erfasste

sie eine Ahnung von der gewaltigen Größe, die dieses Bauwerk

einmal haben würde. Der Dom zu Köln. Kathedrale zur

Ehre Gottes. Schutz der Gläubigen. Eine riesige Baustelle.

Irgendwann, so hatten ihr der Vater und der Bruder versichert,

würden hier die mächtigsten Glocken des Abendlandes

klingen. Nicht zu ihren Lebzeiten. Und nicht zu Lebzeiten ihrer

Kinder und Kindeskinder. Stück für Stück, Stein für Stein,

Jahr für Jahr.

Anna fühlte die zarten Vibrationen des Bodens, die mit jedem

Ton durch ihren Körper strömten. Die heiseren Schreie der Möwen,

die auf der Suche nach Futter vom nahe gelegenen

Rhein kamen, drangen nur noch dumpf an ihr Ohr.

Du bist bei mir, Anna.

Sie schüttelte den Kopf. Nein. Nicht. Sie zwang sich, an andere

Dinge zu denken. Der Stimme keinen Raum in ihren Gedanken

zu lassen. Die Einkäufe auf dem Markt, die Arbeit im

Haus. Die Knechte, das Vieh, der Webstuhl.

Am Morgen war sie mit ihrer Magd hier gewesen und beladen

mit Köstlichkeiten und einigen Gewürzen wieder durch

die engen Gassen nach Hause geeilt. Sie hatten gekocht und gebraten,

das Mahl für den Festtag vorbereitet. Anna hatte ihre

Magd auf der Suche nach dem letzten Staubkorn durch die Kammern

des Hauses gescheucht, um alles vorzubereiten für den

Gast, den sie morgen erwartete.

Wie lange war es her, dass sie und ihr Bruder Peter sich das

letzte Mal gesehen hatten? Waren das wirklich schon acht Jahre?

Und davor? Sie wusste es nicht mehr. Die Familie der Parler

war seit Langem in alle Welt zerstreut.

Peters Talent war nicht lange verborgen geblieben, nachdem

er in der Dombauhütte Hüttendiener geworden war. Über seine

Ungeduld, bis er schließlich seinen vierzehnten Geburtstag

feiern und die Steinmetzlehre beginnen durfte, musste sie noch

heute lachen.

»Ich werde einmal ein berühmter Dombaumeister!«, hatte er

gerufen. Anna hatte ihm geglaubt, und er hatte recht behalten:

Dombaumeister zu Prag durfte er sich heute nennen, und er tat

es mit Stolz.

Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Bogen

hoch. Dem Portal zu einem Kirchenbau, dessen letztendliche

Größe nur in der Vorstellungskraft der Dombaumeister und

auf einem kühnen Bauplan existierte. Noch führte dieses Tor in

den Teil des alten Gotteshauses, der bald weichen würde. Die

Figuren im Gewölbe waren mehr als nur Abbilder des Lebendigen.

Sie atmeten. Zogen Kraft aus der Wärme der Sonne und

den Gebeten der Gläubigen. Heilige, Apostel und Engel. Von

der Hand derer von Parler erschaffen. Sie hätte stolz sein müssen,

trug doch die Statue der heiligen Barbara ihre Gesichtszü-

ge. Peter hatte die Schutzpatronin der Steinmetze nach ihrem

Vorbild geschaffen. Stattdessen empfand sie nichts als eine große

Leere und die Ahnung einer tiefen Sehnsucht.

Ich bin bei dir!

Anna fuhr zusammen und sah sich um. Die Stimme klang so

nah, nicht mehr so, als wäre sie nur in ihrem Kopf. Die Türen

des Petersportals standen weit offen. Aus dem Inneren des Doms

drang der Geruch von Weihrauch. Die Hitze des Augusttages

hatte sich in die Mauern der Kathedrale gesetzt und wehrte die

erste Kühle des frühen Abends ab. Schatten tauchten die Gesichter

der Steinfiguren in ein graues Dunkel.

Über ihrem Kopf fielen andere Glocken in den klaren Klang

ein und riefen zum Vorabendgebet. Anna hob die Hand an die

Schläfe, strich sich über die Stirn und wischte den Schweiß ab,

bevor er ihr in den Augen brennen konnte. Als sie sie wieder

sinken ließ, fiel ihr Blick auf die faltige Haut ihres Handrückens.

Sie wurde alt. Bald würde sie ihr einundsechzigstes Lebensjahr

vollenden, und die Zeit hatte auch vor ihr nicht Halt gemacht.

Wurde sie gar ein wenig wirr im Kopf?

Komm zu mir!

Die Stimme drängte sich in ihre Gedanken und erinnerte sie

an einen schon lange vergessenen Schmerz. Sie war nicht wirr.

Erkenne mich!

Sie kannte diese Stimme. Ja. Sie wusste um die Liebe, die in

dieser Stimme mitklang, und sie wusste, dass diese Liebe ihr galt,

nur ihr allein. Ihr wurde schwindelig und sie schwankte.

Erinnere dich!

Feuer! Es war vor ihr, unter ihr, um sie herum! Es nahm ihr

die Luft, fraß sich in ihre Haut, stach ihr den Schmerz in den

Leib. Es riss an ihren Fesseln.

»Ich stüssen dich an dä blaue Stein, du küss din Vader un

Moder nit mih heim.« Die Worte des Greven übertönten in ihrer

Erinnerung das Brüllen der Flammen. Der Henker hatte keine

Gnade walten lassen. Hatte sie nicht erwürgt, bevor er sie in die

Holzhütte stieß und den Reisighaufen anzündete.

Sieh mich!

Ein drückender Schmerz zog durch ihren linken Arm und

kroch zu ihrem Hals herauf. Sie rang nach Luft, aber ihre Lungen

schienen zu klein und zu eng. Kalter Schweiß lief ihren Rücken

entlang und durchtränkte den Stoff ihres Kleides.

Augen, Hände, Lippen. Das Gefühl des Heimlichen, des Verbotenen.

Sie erinnerte sich an die Sehnsucht, die Verzweiflung.

Und sie erinnerte sich an die Angst.

Sie war schon einmal gestorben. Vor einer Ewigkeit.

Und jetzt starb sie wieder.

Mit einer Klarheit, die sie verwunderte, erkannte sie, dass ihr

Herz aufgehört hatte zu schlagen.

Sie öffnete die Augen. Er stand vor ihr.

»Du erinnerst dich an mich.«

»Ich erinnere mich an alles.«

»Ich war immer da.«

»Du warst bei mir.«

»Meine Liebe hat dich beschützt.«

»Wie konnte ich nur vergessen?«

»Das hast du nie.«

Sie nickte. Er wandte sich um und trat in den Schatten des

Portals. Dann sah er sie über die Schulter hinweg an und reichte

ihr seine Hand.

Köln 2010

Nia umklammerte ihr Funkgerät und hoffte auf eine Antwort.

Der Apparat knackte und knarzte, dann verstummte er.

»Verfluchte Scheiße!« Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen

die Hauswand, versuchte, ruhig zu atmen und das Zittern in den

Griff zu bekommen.

Sie schaltete das Gerät aus und wieder an, aber außer der rot

blinkenden LED-Leuchte regte sich nichts mehr auf dem Display.

Der Akku hielt länger als vierzehn Stunden, doch die waren

nun abgelaufen. Das Gerät war nutzlos. Nia unterdrückte

den Drang, den kleinen schwarzen Apparat in die Büsche zu

schleudern, und versenkte ihn in ihrer Jackentasche.

Ein metallisches Scheppern schreckte sie auf. Er war irgendwo

da draußen auf dem Gelände in der Dunkelheit und lauerte.

Wartete auf den Moment ihrer Unachtsamkeit.

In der Ausbildung hatten sie solche Situationen besprochen

und geübt, so lange, bis sie sich sicher fühlten.

Die Theorie nutzt mir jetzt gar nichts, dachte sie und fühlte,

wie ihr der Schweiß aus dem Haaransatz den Nacken hinunterlief.

Sie schauderte und roch ihre eigene Angst.

»Als Kommissar im Dienst haben Sie eine hohe Verantwortung.

Für die Bevölkerung, Ihre Kollegen und nicht zuletzt für

sich selbst.« Nia hörte die Begrüßungsworte, die ihr Vorgesetzter

Edgar Wackwitz vor zwei Wochen bei ihrem Dienstantritt an

sie gerichtet hatte, als ob er neben ihr stehen würde. Er hatte ihr

die Hand gereicht, sie eindringlich gemustert und gelächelt. Sie

mochte ihn sofort. Ein väterlicher Typ, der sich schnell als ihr

Mentor herausgestellt hatte und auf dessen Rat sie gerne hörte.

Seine Stimme, seine Gesten weckten Erinnerungen in ihr an die

verregneten Sommernachmittage in ihrem Elternhaus, als sie und

ihr Vater eintauchten in die Geschichten der Vergangenheit. Dabei

war Wackwitz noch siebzehn Jahre jünger als es ihr Vaterheute wäre.

Arnulf Hallmann, Griechisch- und Geschichtslehrer

am altehrwürdigen Sankt-Severin-Gymnasium in der Kölner Altstadt.

Seinem Beruf und seiner Stadt aufs Innigste verbunden.

Selbstverständlich nannte er seine Tochter Apollonia.

Sie hatte gelitten als Kind. Unter dem Namen und darunter,

dass ihre Eltern anders waren als die ihrer Freunde. Älter, gesetzter,

bedächtiger. Vielleicht hatte sie deshalb immer so viel

Wert auf Sportlichkeit gelegt. Fit, flexibel, beweglich wollte sie

sein. Die Aufmerksamkeit, die Liebe und das Verständnis ihrer

Eltern hatte sie lange nicht gesehen, ihre Teenagerrebellion ohne

Rücksicht ausgelebt. Freiraum und Sicherheit. Rückhalt und

Grenze. Dafür und für ihre immer offenen Arme liebte Nia ihre

Eltern. Bis heute. In ihrer Erinnerung.

Es hatte ihr durch die Aufnahmeprüfung für die Polizeischule

geholfen, sie ihre Ausbildung mit Bravour bestehen lassen

und ihren Ehrgeiz genährt. Den Ehrgeiz und den Wunsch,

ihr Ziel so schnell wie möglich zu erreichen: die schnelle Beförderung,

die Mitarbeit in der K11, der Mordkommission.

Was für eine hirnverbrannte Gefühlsduselei, dachte sie und

spürte, wie Tränen über ihre Wangen liefen. »Reiß dich am Riemen,

Nia«, murmelte sie leise und zwang sich, an nichts anderes

als an den Mann dort draußen in der Dunkelheit zu denken. Sie

ging in die Hocke, zog die Dienstwaffe aus dem Holster und

entsicherte sie. »Konzentrier dich, Nia! Du musst das schaffen!

Du musst! Überleben!«

Mit der linken Hand stützte sie sich ab, beugte sich vor und

sah um die Hausecke.

Zwanzig Meter lagen zwischen ihr und der reglosen Gestalt

auf dem Boden. Zwanzig Meter, die ihr wie hundert vorgekommen

waren, als sie gerannt und gestolpert war, das Geräusch der

Schüsse im Ohr.

Tim lag auf dem Bauch, die Arme von sich gestreckt, das rechte

Bein angewinkelt. Der dunkle Fleck auf dem Asphalt unter

seinem Kopf wuchs immer noch.

Sie war hinter ihm gewesen. Sie hatte gesehen, wie die Kugel

ihn in den Hinterkopf traf. Im Vorbeilaufen hatte sie sich umgedreht

und sein Gesicht gesehen, dort, wo keines mehr war.

Sie hatten gedacht, die Verfolger zu sein, dabei waren sie die

Gejagten. Auf diesem verdammten Schrottplatz vor den Toren

Kölns. Ihr Kollege hatte sie nicht allein gehen lassen, sondern

darauf bestanden mitzukommen. Nia wollte nicht darüber nachdenken,

aus welchem Grund er das für sie getan hatte, obwohl

sie es seit längerer Zeit ahnte.

Das Licht veränderte sich, und Nia schreckte zurück hinter

die Hausecke. Aber es war nur die Wolkendecke, die für einen

Moment aufriss und das Mondlicht durchscheinen ließ.

Sie zog ihr Handy aus der Jacke, in der Hoffnung, endlich

Empfang zu haben. Die Balken der kleinen Antenne auf ihrem

Display blieben leer. Ob es an der Gegend lag? Verlassenes Land.

Nias Herz raste. Es musste doch eine Möglichkeit geben, Hilfe

zu holen.

Einige Meter vor ihr rauschte ein Schatten durch die Nacht.

Es raschelte, scharrte, und dann hörte sie den Todesschrei eines

kleinen Tieres. Mit mächtigen Flügelschlägen erhob sich die

Eule mit ihrem Opfer zwischen den Krallen wieder in die Luft,

und für einen Augenblick meinte Nia, die schwarzen, glänzenden

Augen des Kaninchens auf sich gerichtet zu sehen. Es schien

ihr, als hätte es sich in sein Schicksal ergeben, als folgte es willig

seinem Jäger auf dem Weg, an dessen Ende der Tod stand. Ihr

wurde schlecht. Eine Faust drückte ihren Magen zusammen,

und sie übergab sich. Der Geruch ihres eigenen Erbrochenen

stieg ihr in die Nase. Sie schüttelte sich, spuckte und stolperte

ein paar Schritte weiter in die Dunkelheit hinein.

»Doch nicht so ein harter Cop, was?« Krahwinkel lachte. Er

hatte sie gehört. »Ich hab dir ja gesagt, leg dich nicht mit mir an.

Das hast du jetzt davon!« Die Stimme kam näher. Noch hatte er

sie nicht entdeckt. Lange konnte es nicht mehr dauern.

Nia suchte nach einem Versteck. Die Wand erstreckte sich

über mehr als zehn Meter. Im Licht des Mondes eine einzige

glatte Fläche. Kein Winkel, kein Vorsprung.

Schnauze!, wollte Nia brüllen, aber sie biss sich auf die Lippen.

Wenn sie sich provozieren ließ, würde er sie schneller finden.

Aber vielleicht war das ja das Beste.

Was hatte sie zu verlieren? Tim war tot. Tim, ihr Kollege, aus

dem vielleicht mehr als ein Freund hätte werden können. Gestorben,

weil sie diese Sache im Alleingang machen wollte.

Warum, verdammt, hatten sie keine Verstärkung bei Wackwitz

angefordert? Er hatte sie doch erst auf die Spur gebracht.

Weil sie unbedingt recht behalten wollte? Weil sie sich und ihm

etwas beweisen wollte? Oder weil Krahwinkel ihre ganz persönliche

Angelegenheit war?

Rausgehen und sich abknallen lassen. Ein Ende setzen, bevor

überhaupt etwas beginnen konnte. Was auch immer es gewesen

wäre.

Sie lachte bitter. Hatte sie vor zwei Stunden, als sie mit ihrer

Tante im Café auf der Domplatte gesessen hatte, wirklich noch

geglaubt, sie wolle nur verhindern? Verhindern, dass Krahwinkel

noch ein Leben zerstören würde, so wie ihres?

»Was machst du?« Krahwinkels Reibeisenstimme schallte

über den Hof. »Nach deiner Mami weinen?« Nia hörte den

Hohn in seinen Worten. »Die wird dir jetzt nicht helfen können,

Schätzchen! Wenn Onkel Manni erst mal fertig ist mir dir,

wird dir niemand mehr helfen können!« Seine Schritte kamen

näher.

Wusste er es? Ahnte er, wer ihre »Mami« war? Hatte sich das

Gesicht ihrer Mutter ebenso in sein Gedächtnis gebrannt wie in

ihres? Woran erinnerte er sich? An die Angst in den Augen der

Frau, die vor ihm auf dem Küchenstuhl gesessen hatte? Oder an

das Loch in ihrer Stirn?

Nia sah sich um. Ein umgestürzter Baumstamm ragte aus

der Dunkelheit hervor. Dahinter schoben sich die Blätter der

Büsche zu dunklen Schatten zusammen. Halb gebückt lief sie

darauf zu und ließ sich hinter dem Stamm flach auf den Boden

fallen, ohne auf die Steine zu achten, die sich in ihren Körper

bohrten.

Mit vierzehn Jahren ist man nicht vorbereitet auf den Tod. Sie

hatte nur dagestanden und ihre Eltern angesehen. Auf die Stille

des Hauses gelauscht. Unfähig, sich zu rühren. Unfähig, den

Schmerz anzunehmen. Er hatte ihre Eltern im eigenen Haus ausgeraubt

und erschossen. Einfach so. Aus Habgier? Aus Grausamkeit?

»Keine Kampfspuren«, hatte sie vor zehn Tagen in der

Akte gelesen, als aus ihrem Wunsch, solche Grausamkeiten zu

verhindern, Wirklichkeit geworden war und sie die »hohe Verantwortung

« übernommen hatte. Er war davongekommen. Keine

Beweise.

Damals.

Langsam schob sie sich bis ans Ende des Stammes und sah

durch die Blätter auf den Hof. Krahwinkel stand neben Tim,

die Pistole in der rechten Hand, und starrte angestrengt in ihre

Richtung. Er schob seinen Fuß unter Tims Schulter und drehte

den schlaffen Körper auf die Seite. Nia glaubte, sein zufriedenes

Knurren zu hören, als er erkannte, dass ihm von dieser Seite

keine Gefahr mehr drohen würde. Dann ging Krahwinkel einen

Schritt nach hinten, nahm kurzen Anlauf und trat dem Leichnam

in den Bauch. Tims Körper krümmte sich, als ob er noch

leben und Schutz suchen würde.

Kalte Wut packte Nia. Ohne nachzudenken, riss sie die Waffe

hoch und feuerte auf Krahwinkel. Die Kugel verfehlte ihn

und durchbohrte einige Meter hinter ihm einen alten Golf. Nia

legte erneut an, zielte und schoss. Blind. Wahllos. Sie bestand

nur noch aus Reflex, Wut und Rache. Schüsse knallten, ohne

dass sie hätte sagen können, ob sie aus ihrer Waffe stammten

oder Krahwinkels Antwort auf ihren Angriff waren. Bis zu

dem Moment, wo aus den Schatten der Schmerz kam, ihr die

Waffe aus der Hand fegte und sie zu Boden warf, hätte sie noch

nicht einmal sagen können, wo Krahwinkel war. Dann wusste

sie es.

Sein hassverzerrtes Gesicht hing über ihrem. Nia konnte seinen

Atem spüren, und der Gestank seines Aftershaves drückte

auf ihre Lungen. Sie stöhnte.

»Liebschen, gleich is et vorbei!«, zischte er durch die Zähne

und presste ihr den Lauf seiner Pistole unters Kinn. »Aber vorher

machen wir es uns noch ein bisschen nett, der Onkel Manni

und die kleine Schlampe von der Polizei, oder was meinst du?«

Er nestelte an seinem Hosenbund.

Nia erstarrte, als sie begriff, was er vorhatte. Ihre rechte Hand

pochte. Dort, wo der Schuss sie getroffen hatte, spürte sie, wie

das Blut lief. Krahwinkel kniete jetzt auf ihr. Mit der einen Hand presste

er weiter die Pistole gegen ihre Kehle und schnürte ihr die Luft

ab. Mit der anderen zerrte er an ihren Kleidern.

Nia spürte, wie der Kies sich in ihre Haut bohrte. Ihre Finger

umklammerten harten Stein, sie drehte den Kopf zur Seite

und schlug zu.

 

***

 

In der Wärme des späten Sommerabends pulsierte das Blut

durch seine Adern und füllte ihn mit Leben. Er erwachte, löste

sich aus den Schatten seines Gefängnisses, mischte sich unter

den Strom der Menschen und ließ sich treiben. Er genoss es,

mitten unter ihnen zu sein, sich als ihresgleichen zu fühlen, als

Teil des Lebens. Unerkannt. Ohne Scheu.

Langsam verließ die Steifheit seine Glieder.

Niemand achtete auf ihn, als er den Platz überquerte. Wortfetzen

flogen an ihm vorbei. »You should …« – »… ins Römisch-

Germanische Museum.« – »Wenn er nicht anruft, dann …« –

»Il part de la gareEin Sprachenteppich, gewoben aus den Wünschen

und Plänen der Menschen, der ihn die Stufen zum Bahnhof

hinuntertrug.

Er schlenderte. Langsam. Jeden Schritt auskostend. Liebespaare

umschlangen und hielten einander. Sie küssten sich oder

schauten gemeinsam in eine Richtung, die vielleicht ihre Zukunft

war. Teenager drapierten sich in lässiger Haltung auf der

Treppe, Punks kraulten ihre Hunde, und müde Touristen starrten

auf die Displays ihrer Kameras. Er schloss sich dem Strom

der Reisenden an. Die Türen des Kölner Hauptbahnhofes verschluckten

die Menschen einen nach dem anderen, um sie an

anderen Stellen wieder auszuspucken.

Vor dem Informationsschalter blieb er stehen und lauschte.

Erneut streiften Worte, hingeworfen im Vorbeieilen, seine Gedanken.

Abschied. Willkommen. Freude, Trauer. Wut.

Ein junger Mann schälte sich aus der Menschenmenge. Er

trug Jeans und T-Shirt. Einer von vielen. Aber etwas an seinem

Gang, an seiner Haltung, unterschied ihn von den anderen. Die

Art, wie er zögerte, um dann den Schritt zu beschleunigen. Seine

Kopfhaltung. Die Anspannung in den Muskeln, die ihn nach

vorne trieb.

Auch wenn er diese Äußerlichkeiten nicht brauchte, um zu

erkennen. Was ihn erkennen ließ, war selten sichtbar. Leid. Verzweiflung.

Oder nur der Ausdruck in den Augen, den er selbst

über diese Entfernung hinweg erkannte und der ihm sagte, dass

jetzt der Zeitpunkt war.

Er hatte gewusst, dass er ihn finden würde. Er fand sie immer.

Manchmal fragte er sich, ob es nicht eher so war, dass sie

ihn fanden, weil er sie nicht finden wollte. Aber sein Wille war

unerheblich und spielte keine Rolle. Er hätte keinen Willen haben

dürfen. Und doch hatte er ihn. Warum, dachte er, ist es so

schwer? Warum wird es mit jedem Einzelnen schwerer?

Er folgte dem jungen Mann durch den Bahnhof. Vorbei an

den Schließfachautomaten, dem Buchladen und der Bäckerei.

Vorbei an den Kofferschiebern, Eiligen, Abschiednehmenden.

Vorbei am Leben.

Der junge Mann vor ihm ging nun schneller. Vor dem Aufgang

zu Bahnsteig eins blieb er stehen. Er sah das Schild mit dem

Hinweis auf die Bahnpolizei und schüttelte den Kopf, als ob jemand

ihm eine Frage gestellt und er sie beantwortet hätte. Dann

ging er weiter. Umklammerte die Riemen seines Rucksackes.

Als der junge Mann die Treppe zum nächsten Bahnsteig hinaufging,

nahm er zwei Stufen mit jedem Schritt. Er hatte es eilig,

sein Ziel zu erreichen.

Er folgte ihm.

»Es geht dir nicht gut«, sagte er zu dem jungen Mann, als sie

das Ende des Gleises erreichten. Niemand war in der Nähe. Sie

standen weit hinter dem Bereich, der auf dem Wagenstandsanzeiger

mit »Zone F« gekennzeichnet war.

»Nein«, antwortete der junge Mann, ohne ihn anzusehen.

»Weißt du, was du da vorhast?«

»Natürlich weiß ich das!« Unwirsch wandte er sich ab.

»Wie heißt du?«

»Für dich bin ich niemand.«

»Du bist wütend, Jakob.«

»Für alle bin ich niemand.«

»Wer wütend ist, hat Kraft zum Leben.«

Der junge Mann schwieg.

Er stellte sich neben ihn. Gerade so, dass ihre Hände sich

nicht berührten. Es ist meine Strafe, dachte er und schmeckte

eine Mischung von Metall und Schweiß auf der Zunge. Die Luft

stand unter dem Kuppeldach des Hauptbahnhofs, kein Wind

brachte Kühlung, obwohl die Seitenwände sich zur Stadt hin öffneten.

Die Hitze sammelte sich, stieg nach oben und senkte sich

dann wie eine Decke über die Betriebsamkeit. Alles klang gedämpft,

nur unterbrochen vom Kreischen der Bremsen oder den

quietschenden und knackenden Lautsprecheransagen.

Es ist meine Strafe, deshalb ist es so schwer.

»Du kannst mich nicht daran hindern!« Der junge Mann

schrie jetzt, aber außer ihm schien das niemand zu hören. Die

Sehnen und Adern an seinem Hals traten hervor, kraftvoll und

geschmeidig.

»Ich will dich nicht hindern.« Er starrte geradeaus, über die

Gleise hinweg auf die Metallstreben der Dachkonstruktion.

»Meine Aufgabe ist es, dir die Kraft zu geben, deinen wahren

Willen zu erkennen.« Er betrachtete die feinen Schwingungen

der Schienen.

Der Zug fuhr ein.

Er spürte den Kampf, den der junge Mann mit sich ausfocht.

Hörte seinen schnellen Atem. Den Herzschlag. Rattatamm,

rattatam, rattatam, rattatam. Die Räder. Den Herzschlag.

Er schwieg.

Der Zug war da.

In den Augen des Zugführers sah er Erkennen und Entsetzen.

Er hob die Hand, legte sie auf die Schulter des jungen Mannes

und schloss die Augen.

Dein Wille!

Als er sie wieder öffnete, stand er allein auf dem Bahnsteig.

Zwanzig Meter neben ihm schrie eine Frau.

 

***

Nia fror. Obwohl Krahwinkels Gewicht sie nicht mehr zu Boden

drückte, fiel ihr das Atmen schwer. Vor ihren geschlossenen

Augen tanzten kleine Punkte wie ein buntes Feuerwerk. Sie zwang

sich, die Lider zu öffnen, und drehte den Kopf in die Richtung,

aus der eben noch ein leises Röcheln gekommen war. Jetzt hörte

sie nichts mehr. Krahwinkel lag reglos neben ihr auf dem harten

Kies, die Hand ausgestreckt, die Finger leicht gebeugt, so als wolle

er ihr über die Wange streichen. Nia wich unwillkürlich zurück

und drehte sich auf die Seite. Sie zog die Knie an und stützte

sich mit der linken Hand vom Boden ab. Langsam stand sie auf.

In ihren Ohren rauschte es. Sie schwankte. Was war passiert?

Warum lag Krahwinkel so leblos da?

Sie hatte diesen Anruf erhalten, den Hinweis auf Krahwinkels

Versteck, und war hinausgefahren. Allein? Sie konnte sich

nicht erinnern.

Er braucht einen Arzt, dachte sie und tastete nach ihrem

Handy. Das Telefon war blutverschmiert, wie ihre Finger. Sie

warf es weg und starrte auf die tiefe Wunde an ihrer Hand, aus

der Blut sickerte. Wieder tanzten die Punkte vor ihren Augen.

»Ich muss Hilfe holen«, sagte sie laut und erschrak über den

Klang ihrer Stimme in der Stille. »Ich muss Hilfe holen«, murmelte

sie erneut, leiser diesmal. Sie wandte sich ab und ging tiefer

in die Büsche hinein, bückte sich unter den Zweigen hindurch

und achtete nicht auf die Dornen, die sich in ihren Kleidern und

den Haaren verfingen. Sie sah hinter dem Dickicht das Feld und

hinter dem Feld die Straße.

Scheinwerfer kamen auf sie zu, als sie auf den Asphalt trat.

Bremsen quietschten, der schrille Ton einer Hupe gellte durch

die Nacht. Nia blieb für einen Moment stehen, dann ging sie

weiter die Straße entlang.

Die Tür des Wagens öffnete sich, und Nia hörte Schritte, klackernde

Absätze, die sich näherten.

»Brauchen Sie Hilfe? Hatten Sie einen Unfall? Eine Frauenstimme.

Sie klang besorgt.

Hilfe. Nia hielt inne. Sie nickte und sah die Frau an. Ja. Das

war es, was sie brauchte.

»Ich rufe sofort einen Krankenwagen!« Die Frau war jetzt bei

ihr. Ihr Blick wanderte über Nias Gesicht und über ihre Hände,

folgte den dunklen Blutschlieren und blieb an der Wunde hängen.

Nia konnte das Misstrauen in den Augen der Frau sehen.

»Warten Sie!« Sie rannte zurück zu ihrem Auto, zog eine

Decke aus dem Kofferraum und breitete sie auf dem Boden aus.

»Was ist passiert?«, fragte sie, während sie Nia zu der Decke

führte. »Soll ich die Polizei rufen?«

»Ich bin die Polizei.«

»Legen Sie sich erst mal auf die Decke.«

»Ich muss Hilfe holen!« Nia schüttelte den Kopf und zog

mechanisch ihren Ausweis aus der Innentasche ihres Jacketts.

Sie hielt ihn mit ausgestrecktem Arm nach vorne.

Die Frau nickte, griff durch die geöffnete Tür in das Ablagefach

neben dem Lenker und wählte die Notrufnummer.

»Tim ist tot!«, flüsterte Nia. Eine Erinnerung an sein Gesicht

blitzte auf, vermischte sich mit dem erstaunten Ausdruck in den

Augen ihres toten Vaters. Wann war das gewesen? Eben? Gestern?

Tränen liefen über ihre Wangen. Kalter Schweiß stand auf

ihrer Stirn und sie zitterte.

»Der Notarzt ist unterwegs«, sagte die Frau mit rauer Stimme.

»Er wird Ihnen helfen.« Sie hob die Decke vom Boden auf

und legte sie um Nias Schultern. »War noch jemand bei Ihnen?

Ist der auch verletzt? Braucht er auch einen Arzt? Wo ist er?«

»Krahwinkel ist …« Nia blickte die Frau an, ohne sie zu sehen.

»Ich weiß es nicht.« Bilder drängten sich in ihr Bewusstsein.

Die schwarzen Augen eines Kaninchens. Ein lebloser Körper.

Krahwinkels Gesicht über ihr. Das Gefühl des schweren Steins

in ihren Händen. Sie schnappte nach Luft. »Ich habe ihn umgebracht.

«

»Sie sind Polizistin.«

»Ich muss Hilfe holen!« Nia schüttelte die Decke ab und ging

weiter in die Richtung, von der sie glaubte, dort sei die Stadt.

Die Frau hielt sie fest.

»Der Arzt ist sicher gleich da. Er wird Ihnen helfen.«

»Ja.« Nia stoppte, setzte sich dort, wo sie stehen geblieben

war, auf den Boden und begann zu weinen.

ZWEI

Köln 1348

Die junge Frau kämpfte sich durch den Schlamm der Straße.

Die ganze Nacht über hatte es geregnet. Die kleinen Holzbrettchen

unter ihren Schuhen versanken immer wieder im Morast

und lösten sich mit einem schmatzenden Geräusch, wenn sie

die Füße hob.

»Geh weg!« Mit einem Stock vertrieb sie ein besonders neugieriges

Schwein, das ihr entgegenlief und seine Schnauze in den

dicken Stoff ihres langen braunen Kleides wühlte. Sie stolperte

über das Tier, stützte sich an einer Hauswand ab und drängte den

schweren Körper zur Seite.

Halei folgte ihr im Schutz der Mauern. Er wollte zu dem

gleichen Ort wie sie, aber ihre Ziele waren grundverschieden.

Er bewunderte ihren Willen und ihre Kraft, mit der sie ihren

Weg ging.

»Mach, dass du fortkommst!«, sagte sie energisch zu dem

Schwein, hob ihren Rocksaum an und eilte weiter. »Ich muss

schnell sein, bevor es zu spät ist.« Sie schaute zum Himmel. Die

eng beieinanderstehenden Häuser ließen kaum einen Schimmer

des Morgenlichts auf die Straße fallen. Sie hatte keinen dieser

bezahlten Leuchtmänner bei sich, schien sich aber nicht zu

fürchten.

Ich kann auf sie achten, dachte Halei, bevor er sich daran erinnerte,

dass seine Aufgabe heute eine andere war. Ihre Gefühle

und Gedanken überfluteten ihn. Da waren Angst, Sorge und

verzweifelte Hoffnung. Es fiel ihm schwer, sich davor zu verschließen.

Sie berührte ihn auf eine Art und Weise, die ihm neu

war und fremd.

In großer Ungeduld hatte sie eben noch am Morgengebet im

Beginenhof teilgenommen, vor dem keine der Schwestern das

Haus verlassen durfte, und darauf gewartet, endlich zu ihrer

Freundin Ursula und deren kranker Tochter Johanna zu gelan-

gen. Die Zehnjährige hatte Kirschen gegessen und klagte seitdem

über starke Leibschmerzen. Aber erst als das Fieber gestern

immer heftiger geworden und Johanna in einen dämmrigen

Schlaf gefallen war, hatte Ursula nach der heilkundigen Anna

rufen lassen.

Da war er schon da gewesen, hatte unbemerkt von der Mutter

neben dem Kopf des Kindes gesessen, ihr sanft über das verschwitzte

Haar gestreichelt und sie angelächelt.

»Du brauchst keine Angst zu haben, Johanna. Ich bin bei dir

und führe dich.«

Mit geschlossenen Augen hatte sie ihn angesehen, und er

konnte das Vertrauen ihrer Seele in seine Kraft erkennen.

»Du bist ein Engel«, hatte sie ihm leise zugeflüstert und war

wieder in den Zustand des Schlafes geglitten, der ihr den Rest

ihres irdischen Lebens erträglich machen würde.

»Es geht ihr sehr schlecht«, hatte Ursula schon an der Türe

zu Anna gesagt und sie in die Küche geführt, wo das kranke

Kind in der Nähe der Feuerstelle auf einer Matte aus Stroh

lag.

Johanna hatte nur leise gewimmert, als Anna sie an der Schulter

gefasst, zu sich gedreht und mit den Untersuchungen begonnen

hatte. Das Fieber ließ ihre Haut glühen und ihr Herz

rasen. Ihr Bauch war hart gewesen, als Anna auf die linke Seite

gedrückt und wieder losgelassen hatte. Johannas Schrei hatte

ihren schlimmen Verdacht bestätigt.

»Ich befürchte, sie hat die Seitenkrankheit«, hatte sie gemurmelt

und sich gewünscht, die Verzweiflung in den Augen ihrer

Freundin nicht sehen zu müssen.

»Das heißt, sie wird sterben?« Ursulas Stimme war kaum zu

hören gewesen.

»Ich werde alles versuchen, damit dein Kind am Leben

bleibt!«

Halei wusste, dass ihre Hoffnung auf Heilung größer war als

ihr Glaube daran.

»Bete, Ursula. Das ist alles, was du für Johanna tun kannst.

Ich komme morgen früh wieder und bringe Kräuter, die das

Fieber senken und den Brand lindern können.«

Jetzt, so früh am Morgen, war sie auf ihrem versprochenen

Weg, und Halei folgte ihr. Er ging neben ihr her, hörte ihren

Atem und ihren Herzschlag. An ihrem Ledergürtel trug Anna

einen Beutel mit Lindenblüten und Weidenrinden. Sie sollten

gegen das Fieber helfen. Tausendgüldenkraut und Wacholder

sollten Johannas Leib Erleichterung verschaffen.

»Es geht ihr besser!« Wie gestern riss Ursula bereits beim ersten

Klopfzeichen die Haustüre auf. »Sie hat keine Schmerzen

mehr.«

Anna drängte sich an ihr vorbei in die Dämmerung des Zimmers.

Halei blieb am Eingang stehen.

Johanna lag ausgestreckt auf ihrem Lager, die Augen geöffnet,

und starrte an der Besucherin vorbei zur Tür.

»Kommst du mich jetzt holen?«, flüsterte sie mit leiser Stimme.

»Ich bringe dir Kräuter, die dein Fieber senken, Liebchen.«

Halei trat neben Anna und nickte ihr zu.

»Engel kommen zu denen, die sterben.« Johanna lächelte und

streckte die Hand aus. »Ich gehe mit dir.«

Sie schloss die Augen. »Ich hab keine Angst.«

Anna kniete sich neben sie und legte ihr eine Hand auf die

Stirn. »Erkennst du mich nicht? Ich bin Anna!« Sie sah zu Ursula

hinüber, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem

Kind zu. »Du brauchst keine Angst zu haben.«

»Ich habe Schuld an meinem Tod, nicht wahr?«, murmelte

Johanna. »Ich durfte die Kirschen nicht nehmen und habe es

trotzdem getan. Das ist meine Strafe.«

»Nein!« Halei und Anna antworteten gleichzeitig. Anna sah

sich um.

Halei spürte, dass seine Anwesenheit und seine Worte zu ihr

durchgedrungen waren. Dass er für einen kurzen Moment die

Mauer durchbrochen und ihre Gedanken berührt hatte.

»Nein«, wiederholte sie jetzt. »Du hast keine Schuld. Die

Kirschen haben mit deiner Krankheit nichts zu tun.«

»Aber sie wird doch wieder gesund, Anna!« Ursula kniete

neben dem Lager nieder, deckte ihre Tochter zu und küsste sie

auf die Stirn.
Anna stand auf und hob die Hände. Mit dem Finger zog sie
eine Linie in der Mitte ihrer Stirn, so als ob sie ihre Gedanken

in eine Rettung versprechende Ordnung zwingen wollte. Dann

schluckte sie und sah ihre Freundin an. Als sie sprach, klang

ihre Stimme leise und hoffnungslos.

»Es ist kein gutes Zeichen, Ursula. Dass Johanna keine

Schmerzen mehr hat, bedeutet ein weiteres Fortschreiten der

Krankheit. Ich habe es schon viele Male gesehen.« Sie ging um

das Lager herum, auf dem das Kind nun wieder mit geschlossenen

Augen lag, und umarmte Ursula. »Es tut mir so leid. Es wird

nicht mehr lange dauern.«

»Du musst etwas machen, Anna!« Ursula spie die Worte in

den Raum. »Du darfst sie nicht sterben lassen!«

Anna seufzte und zögerte einen Augenblick. In ihrer besorgten

Miene sah Halei auch die Liebe zu dem kranken Kind

und die große Zuneigung zu Ursula. Er rührte sich nicht. Stand

auf seinem Platz an der Wand, füllte mit seiner Anwesenheit

den Raum aus und wartete. Johannas Herz schlug nun langsamer,

und die Seele löste sich von ihrem irdischen Gast. Er würde

ihr helfen, sie führen und leiten. Das war seine Aufgabe.

Er stand da, blickte in Annas Gesicht und wartete.

Sie kämpft, dachte er, als sie begann, den kleinen Körper mit

nassen Laken zuzudecken, um das Fieber zu senken. Mit schnellen

Bewegungen flößte sie dem Mädchen Wacholdersud ein

und sprach ein Gebet.

Dein Wille ist stark!

Anna fuhr hoch.

»Was?« Sie lauschte, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder

Johanna zu.

Hatte sie ihn gehört?

Sie wird sterben, versuchte er es ein weiteres Mal. Die ruckartige

Bewegung ihres Kopfes zeigte ihm, dass er recht hatte. Ich

bin in deinen Gedanken. Du kannst mich hören.

Annas Hände hielten mitten in ihrer Arbeit inne.

Johanna stirbt, aber sie hat keine Angst. Sie ist bereit zu gehen.

»Nein! Ich will sie nicht aufgeben!« Annas Finger flogen jetzt

über den Leib des Mädchens auf der Suche nach Erleichterung
und Heilung. »Bleib hier.« Anna legte eine Hand auf Johannas

Stirn.

Johanna lächelte. Dann sackte ihr Kopf zur Seite und ihr Blick

verlor sich.

Eine Träne lief über Annas Wange und fiel auf die Decke des

Krankenlagers. Langsam ließ sie sich auf die Knie sinken.

»Ich kann nicht mehr helfen, Ursula«, sagte sie und versuchte,

das Entsetzen in den Augen der Freundin zu ertragen.

...

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